

| Zur Geschichte der Psychiatrie in Österreich | ||
| Geschichte
der Psychiatrie ( Download) |
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| von Prof. Dr. Heinz Eberhard Gabriel | ||
Die Geschichte der Psychiatrie als medizinische Disziplin lässt sich auf die Zeit seit dem 18. Jahrhundert einengen. Im Zusammenhang mit der Gründungsmatinee der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie wird es zweckmäßig sein, eine weitere Einengung auf Österreich vorzunehmen. Die Geschichte der Psychiatrie in Österreich ist nicht einengbar auf die Geschichte der Psychiatrie in Wien. Freilich war Wien als europäische Metropole, Zentrum des Reiches und Ort der 1. und vor allem 2. Wiener Medizinischen Schule in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Vorort auch der Entwicklung der Psychiatrie in unserem Land (und wohin sonst noch diese Schule ausstrahlte). Es wird weder in der Kürze der Zeit möglich, noch aus diesem Anlass zweckmäßig sein, ins Detail der Geschichte der Psychiatrie in unserem Land einzugehen. Bei solcher Gelegenheit von der Geschichte der medizinischen Disziplin, die diese Gesellschaft repräsentiert, zu sprechen, wird vor allem dann einen Sinn geben können, wenn man dabei von ihrer Gegenwart ausgeht und die Stränge von Traditionen darzustellen versucht, die aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft führen mögen. Es war zurecht schon die Rede davon, dass die Psychiatrie in Österreich gegenwärtig international vernetzt ist, nicht zuletzt indem die Österreichische Fachgesellschaft seit Jahrzehnten Mitglied des Internationalen Dachverbandes der Nationalen Gesellschaften, des Weltverbandes für Psychiatrie ist, um 1980 mit Peter Berner den Generalsekretär dieses Weltverbandes gestellt hat und 1983 der 7. Weltkongress für Psychiatrie von diesem Weltverband in Wien durchgeführt wurde. Der Zusammenschluss von Psychiatern in einer wissenschaftlichen Gesellschaft reicht in Österreich in die 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, als in Wien der Verein für Psychiatrie und Forensische Psychologie (so der erste Titel der nach wie vor unter dem Namen "Verein für Psychiatrie und Neurologie" bestehenden Vereinigung) gegründet wurde; bis zum Ende der Österreich-Ungarischen Monarchie war das die führende Fachvereinigung in unseren Breiten. Seit 1950 freilich war die Gesellschaft Österreichischer Nervenärzte und Psychiater, später Österreichische Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie bis zu ihrer Trennung in zwei selbständige Gesellschaften für Neurologie bzw. Psychiatrie und Psychotherapie im Jahr 2000 die repräsentative Vergesellschaftung unseres Faches in Österreich. Diese frühe wissenschaftliche Vergesellschaftung war eine von Psychiatern. Sie erfolgte vor dem institutionellen Hintergrund der Irrenanstalten dieser Zeit noch vor der Begründung der akademischen Disziplin Psychiatrie und deren Institutionen (Lehrstühle und Universitätskliniken). Drei inhaltliche Motive lassen sich deutlich voneinander unterscheiden: die Auseinandersetzung mit den Grundlagenwissenschaften jener Zeit (das waren die morphologischen Grundlagenwissenschaften), die Diskussion psychiatrischer Fragestellungen in der Öffentlichkeit des Strafrechtes (Forensische Psychopathologie) und die Diskussion der Gestaltung der psychiatrischen Versorgung. Alle drei Themenschwerpunkte haben seither mit unterschiedlichen Dominanzen eine Rolle gespielt und sind auch in der Gegenwart der Österreichischen Psychiatrie, in der die Schritte in ihre Zukunft gestaltet werden müssen, wichtig. Die Grundlagenwissenschaften sind freilich nicht mehr die morphologischen sondern die neurophysiologischen, die öffentlichen Fragestellungen sind längst nicht mehr begrenzt auf ihre forensische Komponente und die Gestaltung der Versorgung bezieht sich längst nicht mehr nur auf das "Irrenwesen". Dass diese Schwerpunkte Verbindende war und ist die klinische Psychiatrie. Die Jahrzehnte auf 1900 zu und unmittelbar danach sind in der Geschichte der Psychiatrie wie in manchen anderen Zusammenhängen auch in Österreich Jahrzehnte nachhaltig wirksamer Innovation. Das gilt auch zum einen für die Entwicklung des Fachgebietes selbst. Ein Marker dafür ist die Umwidmung des erwähnten Vereins für Psychiatrie und Forensische Psychologie zum Verein für Psychiatrie und Neurologie 1893. Damit ist nicht nur die für die Erklärung schwerer psychischer Störungen bedeutsame Neuropathologie wirksam geworden. Damit sind auch Störungen in den Horizont der Psychiatrie gekommen, die ursprünglich eher der Neurologie zugeordnet wurden, im Lauf der Zeit aber als selbstverständliche Gegenstände der Psychiatrie etabliert wurden, die sich damit ein Stück von der medizinischen Disziplin der Irrenärzte entfernt hat. Die Nervosität, die Neurasthenie und andere benachbarte Störungen, für die andere Erklärungsmodelle zu suchen waren, sind in jenen Jahrzehnten erst allmählich in den Bereich der Psychiatrie gewandert. Bis in die Gegenwart bedeutsame Persönlichkeiten haben in diese Entwicklungen in Österreich eingegriffen, vor allem Theodor MEYNERT, einer der Begründer der Neuroanatomie und Neuropathologie (damit auch der Begründer einer sich bis in die Gegenwart fortsetzenden Wiener Schule der Neuropathologie), der bezeichnenderweise unter dem Einfluss seines Mentors Karl von ROKITANSKY 1870 den damals errichteten ersten Psychiatrischen Lehrstuhl an einer Österreichischen Medizinischen Fakultät erhalten hat er war bis dahin Prosektor der Irrenanstalt in Wien; Richard von KRAFFT-EBING, der nicht aus der 2. Wiener Medizinischen Schule hervorgegangen ist und als einer der Begründer der modernen Klinischen Psychiatrie gelten kann und bei aller Würdigung der grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit eine auf die erkrankte Person bezogene Psychiatrie propagiert hat, in deren Vollzug eine ganze Reihe sehr modern anmutender Motive erkennbar sind; schließlich (und weit in das 20. Jahrhundert hineinreichend) die beiden Altersgenossen Julius WAGNER-JAUREGG und Sigmund FREUD, die beide aus der 2. Wiener Medizinischen Schule hervorgegangen sind, der immer therapeutischer Nihilismus vorgeworden wird, die aber beide auf eine höchst unterschiedliche Weise zu den Begründern therapeutischer Grundkonzepte geworden sind, WAGNER-JAUREGG durch die systematische Entwicklung der Fiebertherapie der progressiven Paralyse zu einem der Begründer der modernen Somatotherapie in der Psychiatrie, FREUD durch die Entwicklung der interpretatorischen und therapeutischen Konzepte der Psychoanalyse zum Begründer eines Denkens, das weit über die Grenzen der Psychiatrie und der Medizin hinausreicht und bedeutend geworden ist freilich in der Psychiatrie in unserem Land, nach bedeutsamen Annäherungen vor allem im 3. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und dem Verfall dieser Annäherung in der Zeit danach, vor allem des Nationalsozialismus, erst wieder mit ziemlicher Latenz nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Die Jahre zwischen 1938, vor allem 1940 und 1945 bedeuten den Tiefpunkt in der Geschichte der Psychiatrie in unserem Land (wie in Deutschland). In dieser Zeit sind Tausende von Kranken zu ihrer systematischen Ermordung vor allem nach Hartheim deportiert und Tausende danach noch in psychiatrischen Anstalten zumindest durch Vernachlässigung und an manchen Orten durch schauderhafte Mordprozeduren gestorben. Man kann diese Ereignisse vermutlich nicht angemessen als Folgen der Psychiatrie in ihrer Zeit verstehen. Wir müssen aber verstehen, dass die Psychiatrie dieser Zeit, und zwar weder die Lehre noch die dieses Fach und seine Lehre repräsentierenden Personen, ausreichende Hürden aufgebaut haben, die diese Ereignisse unmöglich gemacht hätten (so sehr Einzelne versucht haben mögen, auf eine der Natur der Sache nach schlecht dokumentierte Weise die Kranken zu bewahren). Die Sektion Psychiatrie der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie hat durch ihre Arbeitsgemeinschaft für Geschichte der Psychiatrie bei ihrer letzten Tagung 60 Jahre nach dem Beginn der systematischen Morde im Jahr 2000 dieser Ereignisse gedacht und die Hintergründe dieser Ereignisse sowie die Konsequenzen bedacht, die wir in der Gegenwart aus diesen historischen Erfahrungen ziehen müssen. Nach Jahrzehnten weitgehender Stagnation im Desinteresse der Öffentlichkeit sind seit den 70er Jahren dann die Reformen der psychiatrischen Versorgung unternommen worden. Die schrittweise Trennung der Fächer Neurologie und Psychiatrie ist gewiss von diesen Entwicklungen stimuliert, wenn auch nicht verursacht worden. So fügen sich die Komponenten der Geschichte der Psychiatrie in Österreich in ihrer Gegenwart zu einem Bild, das die Themenbereiche des Weges in die Zukunft enthält: - Wie alle anderen medizinischen Disziplinen auch muss sich die Psychiatrie auf die Erkenntnisse ihrer Grundlagenwissenschaften beziehen. Diese Grundlagenwissenschaften sind freilich nicht nur die Wissenschaften vom Gehirn, sondern auch die Psychologie und die Soziologie. Die Psychiatrie wird damit zu einem für die Gesamtmedizin prototypischen, die verschiedenen Dimensionen menschlichen Lebens und daher auch Krankwerdens und Krankseins integrierenden medizinischen Disziplin (wie sie es auch schon in ihrer frühen Zeit durch KRAFFT-EBING beansprucht hat). Sie steht damit ihrem Wesen nach im Schnittpunkt von Natur- und Humanwissenschaften. - Auch als eine soziale Handlungswissenschaft steht sie als Prototyp für die ganze Medizin auch wenn das in dunklen Jahren auf eine verbrecherische Weise vergessen worden ist und in weniger dunklen Jahren in dem Menschen unangemessenen Einseitigkeiten (welche Seite auch immer dabei vernachlässigt wurde oder wird) auch gegenwärtig gelegentlich vergessen werden mag. - Eben weil sie mehr als andere medizinische Disziplinen radikal und verbrecherisch umgesetzter Einseitigkeit zum Opfer gefallen ist (wobei manche ihrer Vertreter zu Tätern geworden sind) hat sie eine besondere ethische Verpflichtung von ihrer Vergangenheit in der Gegenwart gleichsam als Auftrag erhalten, um beizutragen, dass in der Zukunft derlei Verirrungen unmöglich werden. Das ist nicht nur ein Postulat der Humanität, sondern auch ein Postulat angemessener medizinischer Interpretations- und Handlungskonzepte. |
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